Peer Gynt 01

Die Bühne ist ein dunkler Ort, an dem drei Jugendliche eine Glasscherbe finden können, und an dem ein bisschen Licht reicht, um in ihr einen Diamanten zu erkennen.
So erleben es die drei Peer Gynts, die in der Inszenierung von Andreas Bußmann und den SchülerInnen der Oberstufe aus dem Ibsen-Klassiker ein modernes Welttheater machen. Eineinhalb Stunden lang tragen sie die Zuschauer, gemeinsam mit Chor und Orchester, durch einen Gedankenstrom aus Orten, Gefühlen, Szenen, die erst am Ende soetwas wie ein Leben ergeben. Ihre Inszenierung erzählt von der Suche nach Identität. Sie dreht und wendet die Frage: Kann man ein Ganzes sein, ein ganzes Leben lang?

Ein Leben, das eine ganze Welt ist

Dass Peer hier vom ersten Moment an nicht einer ist, sondern drei auf einmal, das zeigt, wie unmöglich diese Idee ist – zumindest in der unübersichtlichen, prallen Welt ist, von der das Stück erzählt. Man trifft in ihr die Beatniks der 50er-Jahre neben einer Horde von trolligen Fabelwesen, die Sklaven der frühen USA kontrastieren die Schürzen-Folklore deutscher Heimatfilme und ein Talkshow-Moderator stürzt einen der Peers schließlich genauso aus dessen Selbstherrlichkeit wie ein Teufel im Missionarskostüm. Hervorzuheben ist hier nicht zuletzt die aufwändige Ausstattung der Figuren.
Während diesem wilden Ritt durch die Geschichte des Westens machen die drei Peers am eigenen Leibe durch, was unsere Geschichtsbücher im Innersten zusammenhält: Kolonialisierung, Menschenversuche, Gender-Trouble, schizoide Episoden – die Welt kann ein ziemliches Jammertal sein. Erlebbar wird dies für die Zuschauer auch durch die Klarheit des Bühnenbildes, vor dem das Ensemble glänzen kann. Mal reicht da nur ein Fingerzeig, mal ein Wechsel im Tonfall, um die Komik und die Tragik der Welt zu erzählen. In diesen feinen Pointen wird auch der große Einsatz der SchülerInnen deutlich, die am Stück mitschrieben und sich ihre Rollen oft in freien Improvisationen selbst erarbeitet haben.

Für immer jung

Peer Gynt verkörpert in ihrer Inszenierung also nicht nur seine Geschichte. Sein Leben erzählt auch von den vielen anderen, die immer wieder neugierig in die Welt geboren werden und dort ihren Weg, ihr Glück suchen. Indem er sich weigert, nur einer zu sein, eindeutig zu sein, wehrt er alle Autoritäten ab, die ihm ein Ziel vorgeben wollen. Der Preis, den er für diese Freiheit bezahlen muss, ist jedoch hoch: Peer Gynt bleibt sich und allen anderen ein Rätsel. Ein Leben lang. Keine Beziehung kann er halten, keine Aufgabe erfüllt ihn, keine Idee bindet ihn.
Peer wird damit zum ewig Pubertierenden, zum sehnsüchtigen Grenzgänger mit dem tiefen Wunsch, endlich mal wer zu sein. Welche Rolle sich ihm auf seinem Weg anbietet, er probiert sie an – und ist daher auch im einen Moment Sklavenhändler, im nächsten Sklave. Spürbar wird diese Haltlosigkeit etwa in der furiosen Performance von Benedikt Brögmann, dessen Peer im Mittelteil des Stückes zunächst die Sicherheit eines Alleinunterhalters ausstrahlt – nur um ein paar Überheblichkeiten später scheinbar jede Kontrolle über Kopf, Körper und Stimme zu verlieren. Dann steht er alleine da. Dann rappelt er sich wieder auf. Auf zur nächsten Hoffnung, auf zur nächsten Enttäuschung.

Ich sehe was, was Du nicht siehst

Sein Suchen wird ihm schließlich zur Sucht. Und wer ihm das Beste wünscht, der muss auch das Unheil hinnehmen, in das er seine Mitmenschen reißt. Ob im sehnenden Sologesang von Lorna Monaghan, ob in der kraftloser werdenden Körperhaltung Lilly Martins, ob im haltlosen Hetzen, das Adrian Seehofer durch die Welt treibt – scheinbar überall auf der Bühne sieht man, was Peer nicht sehen kann: die Folgen seiner Handlungen. Das ist aber auch unsere Tragik, die Tragik des Publikums. Wir erkennen das Problem nur, weil wir nicht drinstecken.
Etwas Halt und Hoffnung gibt uns dabei die Musik. Sie verbindet die Fragmente der Szenen zu einem Ganzen, gibt dem Erzählstrom eine Richtung. Jörg Them und Günter Hauptkorn haben dafür einige Songs des jungen Bob Dylan für Chor und Orchester umgearbeitet. Die klingen nun ungewohnt harmonisch, sanft, freundlich. Und hört man eine Zeile wie „Your sons and daughters are beyond your command“ in dieser Interpretation, dann spricht mit Dylan auch der Übervater einer früheren Jugend zu uns: Wir haben uns damals nicht kontrollieren lassen – warum sollte das heute anders sein? Oder irgendwann?
Wie Andreas Bußmann zusammen mit einem befreit aufspielenden Ensemble aus all diesen Assoziationen einen aberwitzig großen Gedanken formt, das ist gleichsam verwirrend und inspirierend. Gemeinsam haben sie ein Stück geschaffen, das seine Zuschauer 90 Minuten lang den Wunsch spüren lässt, endlich eine Lösung, endlich ein Happy End zu bekommen – obwohl man in jeder Minute bemerken kann, dass es darum nicht gehen soll. Nicht heute abend. Denn das Leben dieser Peer Gynts ist wie eine Neugierde: Es müsste enden, wenn es sich erfüllte.
Ihre Bühne ist ein dunkler Ort, an dem drei Jugendliche eine Glasscherbe finden können, und an dem ein bisschen Licht reicht, um in ihr einen Diamanten zu erkennen. Ein Spielverderber, wer ihnen das ausreden will.

Jens Christian Deeg